Muß Latein nützen?

Für alle Fragen rund um Latein in der Schule und im Alltag

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Muß Latein nützen?

Beitragvon Apollonios » Fr 6. Feb 2009, 17:17

Der Tagesspiegel meldet heute, Forscher haben herausgefunden, daß Lateinschüler nicht logischer denken und besser Sprachen lernen als andere. Nun suchen die Lateinliebhaber unter den Forschern nach anderen Gründen, warum man unbedingt Latein lernen muß.
Mir wird übel bei solchen Meldungen. Warum muß alles nützen in dem Sinne, daß es sich in klingende Münze bzw. klappernde Kreditkarte umwandeln läßt? Wozu sollte man sich dann noch auf Unterricht in Kunst, Philosophie, Literatur einlassen?
Vielleicht kann ich meine wirtschaftsfeindliche Einstellung zum Lernen noch gerade so verteidigen, indem ich sage, nach Lektüre vom Archipoeta geht es mir besser; also bin ich potentiell gesünder und arbeitskräftiger, wenn ich mich mit Latein beschäftige.
Aber so will ich nicht argumentieren!
Nutzbringendes Wissen (z.B. um die beste Futterquelle, den sichersten Unterschlupf) brauchen auch Tiere. Wollen wir uns selbst degradieren, indem wir allem und jedem, was unser Leben schöner macht, noch flugs einen meßbaren Nutzen beilegen?
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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon consus » Fr 6. Feb 2009, 23:19

Apollonios scripsit / hat geschrieben:Der Tagesspiegel meldet... Wollen wir uns selbst degradieren, indem wir allem und jedem, was unser Leben schöner macht, noch flugs einen meßbaren Nutzen beilegen?

Tecum consentio, Apo. Quid ergo? Abeat Speculi Diurni nuntius in purgamentorum receptaculum! :roll:
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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon Apollonios » Sa 7. Feb 2009, 00:14

Was mich an solchen Nachrichten besonders kränkt, ist das Wissen, daß für diese Forschung Geld ausgegeben wurde, das an anderer Stelle (zum Beispiel bei den Latinisten, den Malern, den Bildhauern, den Musikern) fehlt.
Das ist die konsequente Fortführung solcher Gedankengänge; was nicht "nützlich" ist, muß auch nicht unterstützt werden.
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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon RM » Sa 7. Feb 2009, 02:49

Leider - oder zum Glück! - ist die Frage, was nützlich ist, gar nicht so einfach zu beantworten. Hätten antike Philosophen in sternklaren Nächten nur geschlafen, säßen wir jetzt mit Sicherheit nicht am PC - manche Entwicklungen dauern etwas länger. Wozu nützt Latein? Man kann damit zum Beispiel die Linguistik weiterentwickeln und die gewonnenen Erkenntnisse später in Software zur automatischen Übersetzung von Chinesisch nach Bambara verwenden. So gradlinig, wie sich das manche Forscher vorstellen, läuft es halt nicht. Aber das ist dieses abendländische Monokausalitätsdenken, das uns da immer wieder in die Quere kommt... :hairy:

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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon romane » Sa 7. Feb 2009, 13:28

in abgewandelter Form:

Der Tagesspiegel meldet heute, Forscher haben herausgefunden, daß MATHEMATIKschüler nicht logischer denken und besser lernen als andere. Nun suchen die MATHEMATKliebhaber unter den Forschern nach anderen Gründen, warum man unbedingt MATHEMATIK lernen muß.

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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon Princeps » So 8. Feb 2009, 16:52

Apollonios hat geschrieben:Der Tagesspiegel meldet heute, Forscher haben herausgefunden, daß Lateinschüler nicht logischer denken und besser Sprachen lernen als andere.


Na, Gott sei Dank! Wäre es nicht traurig, wenn die Mehrzahl der Menschen weltweit beim logischen Denken und beim Erlernen von Fremdsprachen benachteiligt wäre, nur weil sie kein Latein gelernt haben? Wo bliebe außerdem die Rechtfertigung für einen späten Lateinbeginn (ab Jgst. 9 oder 11)? Machte es doch keinen Sinn, nach ein oder zwei Fremdsprachen und 10 Jahren Schule dann erst mit Logik und Fremdsprachenverständnis anzufangen.
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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon Apollonios » Mo 16. Feb 2009, 14:44

Hier noch ein schönes Argument gegen die unbedingte Nützlichkeit -und für das Lateinlernen:

"Aber wozu nützt die Erlernung des Lateinschreibens? So höre ich Manche fragen, die es nicht können. Ich weis, daß wir weder in Latium noch in Frankreich leben, folglich eigentlich weder lateinisch noch französisch schreiben oder lesen sollten. Aber wer kann es denn hindern, wenn nun Beydes Vielen gefällt? Es ist wahr, daß Beydes nicht zur Gesundheit des Menschen beytrage, und daß viel Tausende ohne Beydes ihr Amt gut verwalten können. Allein viel sind der Dinge, ohne die wir gesund leben und unser Amt verrichten können, und deren Erlernung dennoch für anständig, ja für nothwendig, gehalten wird, z.E. das Lomberspielen, Tarockspielen, Billiardspielen etc., Tanzen, Singen, das Spielen auf Instrumenten etc. und viele andre Dinge.Warum gönnt man nicht jedem sein Vergnügen, gesetzt daß man es nicht selbst mit genießen kann?"
Scheller, Ausführliches deutsch-lateinisches Lexicon, Vorrede zur 2. Auflage 1789.
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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon RM » Fr 20. Feb 2009, 02:49

Jetzt aber noch einmal ernsthaft die Frage: Worin manifestiert sich ein "Nutzen"?

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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon Apollonios » Fr 20. Feb 2009, 12:40

Natürlich kann etwas nützen, indem es lange Zeit später zu einem meßbaren Ergebnis führt, wie Du oben angedeutet hast. Das zeigt auch, wie schwierig es ist, einen möglichen Nutzen abzusehen. Mit Nutzen ist dabei so gut wie immer - und ganz bestimmt in der vorgestellten Untersuchung - ein wirtschaftlich meßbares Ergebnis gemeint, ob es nun bessere Gesundheit ist oder höheres Bruttosozialprodukt.
Natürlich kann ich dem Lateinlernen auch bei Leuten, die damit kein Geld verdienen, einen Nutzen unterstellen, indem ich etwas von allgemein höherer Bildung daherrede, dadurch mindere Anfälligkeit für törichte politische Modelle und dadurch - vielleicht - mehr Frieden, d.h. weniger unnütze Ausgaben...
Aber das will ich gar nicht. Mir geht es darum, daß ich nicht ums Verrecken alles als wirtschaftlich nutzbringend verstehen will.
Wenn ein Mensch gerne Latein und Musik lernt, obwohl er damit kein Geld verdienen will, und zudem leider früh stirbt - soll man dann sagen, es hat "nicht gelohnt", dem Kind diese Fächer nahezubringen? - Das wäre die logische Konsequenz einer nur an den "Nutzen" denkenden Gesellschaft, und ich fürchte, wir sind auf dem besten Wege dahin.
Ich möchte aber Tätigkeiten (und auch Menschen!) nicht um ihres Nutzens willen lieben.
Daß ich Hadrians schönes Gedicht "animula vagula blandula" auswendig hersagen kann, wird mit Sicherheit niemals einen Cent zum Bruttosozialprodukt hinzufügen, keinen Kranken heilen, keine Aufbauarbeit fördern - aber ich möchte nicht darauf verzichten, das ist mein voller Ernst.
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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon late starter » Sa 13. Jun 2009, 20:14

Abgesehen davon, dass man- wie hier bereits mehrfach bemerkt-, nicht Alles nur unter einem Nutzen Blickwinkel betrachten sollte (Wo bleibt da der Spassfaktor?)-, halte ich dieses Statement auch für falsch! Latein vermittelt nicht nur ein besseres Verständnis der eigenenen Sprache, insbesondere für die Mechanismen deren Grammatik, sondern liefert auch eine Art "Strickmuster" zum Erschliessen in einer dem Erlernenden noch unbekannten Sprache geschriebenen Sätzen, nämlich - wie hier im Forum schon mehrfach erwähnt wurde- zuerst das Prädikat zu finden, dann das im Numerus passende Sujekt und ggf. vorhandene Objekte (unter den Gesichtspunkten Akk> Ziel der Handlung,Dat.> Nutzniesser oder Nichtnutzniesser, Gen.> " Eigentumsbezüge"),adverbiale Bestimmungen etc. zu suchen .Obwohl ich schon recht lange Deutsch, meine Muttersprache, spreche, ist mir das erst jetzt bein Lernen von Latein richtig klar geworden.
Außerdem lassen sich selbst im Englischen, dass bekanntermaßen nicht zu den romanischen Sprachen gehört, mehr als 400000 Wörter des aus ca 1 Mio. Wörtern bestehenden Wortschatzes auf einen lateinischen Ursprung zurückführen. Als ich z. B. die lateinische Vokabel Vacca erlernte, war mir sofort klar, welchen Ursprung die ersten Impfungen gehabt haben müssen! Seitdem plane ich die geistige Flexibilität und die Lateinkenntnisse meines Hausarztes, mit dem Verlangen nach z.B. einer Anti Grippe Kuhifizierung anzutesten...
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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon Laptop » Sa 13. Jun 2009, 23:01

Stimmt, man nennt das Utilitarismus - eine Denkungsart bei der alles nützen muß. Alles hat seinen Wert oder keinen Wert. Jemand der nichts leistet hat keinen Wert. Personen und Dinge werden über Nutzen und Leistung definiert.
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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon RM » So 14. Jun 2009, 00:16

Leider muß auch ich feststellen, daß bei Verwendung des Wortes "Nutzen" im modernen Sprachgebrauch vieler Menschen ein gewisser pekuniärer Gegenwert assoziiert wird. Insofern träfe das - bei manchen Zeitgenossen - ja sogar auf das Lateinische zu. Also noch einmal die Frage: Wie definiert sich ein "Nutzen"?

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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon Laptop » So 14. Jun 2009, 00:50

@RM Nützlich ist, was Vorteil bringt. Finanziell verengt sehe ich das Wort im modernen Sprachgebrauch keineswegs.
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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon searchgirl » So 14. Jun 2009, 17:37

also wie schon geschrieben wurde, nützlich ist, was Nutzen bringt. Dieser Nutzen wird in der heutigen Zeit doch gerne als Basis/Voraussetzung für wirtschaftlichen Gewinn/Verbesserung gesehen, also denke ich, dass Nutzen heute finanziell verengt gesehen wird.
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Re: Muß Latein nützen?

Beitragvon RM » So 14. Jun 2009, 19:07

Care Laptopi, natürlich ist, was einen Vorteil bringt, nützlich. Alleine der Begriff "Kosten-Nutzen-Rechnung" verdeutlicht aber, daß "Nutzen" in seiner modernen Verwendung durchaus eine pekuniäre Dimension hat. Leider tritt diese immer dann in den Vordergrund, wenn es z.B. um die politische Frage geht, welche Fächer (finanziell) gefördert werden sollen. Ich meine, daß hier die Frage, ob Latein "nützt", oft fast synonym zur Frage verstanden wird, ob es wirtschaftliche Vorteile bringt. Daher sollten wir schon eine Antwort darauf liefern können - schließlich hängt die Zukunft der alten Sprachen davon ab.
Ich lese z.B. im Artikel "Nachrichten aus dem Landesverband Bayern" des neuesten Heftes "Die Alten Sprachen im Unterricht", daß ein Problem der alten Sprachen im europäischen Kontext ist, daß sie nicht als Fremdsprachen gezählt werden und daher die Schüler in Deutschland statistisch gesehen weniger Fremdsprachen lernen als in anderen europäischen Ländern. Fremdsprachenkenntnisse sind aber zweifellos von wirtschaftlicher Bedeutung. Nach diesen Statistiken wäre es also besser, Latein und Griechisch ganz aus den Schulen zu verbannen, da ihnen nicht nur der Nutzen abgesprochen, sondern sie sogar als hinderlich angesehen werden.

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